Sichtbar Leben – bei mir ankommen

  • Ich muss mich nicht neu erfinden.

    Über die lange Suche nach Zufriedenheit. Und die überraschende Erkenntnis, dass ich vielleicht gar nicht das Problem bin.

    Ich glaube, ich war Mitte vierzig, als ich zum ersten Mal bewusst bemerkte, dass mir etwas fehlte.

    Nicht unbedingt etwas, das ich hätte benennen können. Eigentlich war vieles in meinem Leben gut. Ich hatte Menschen, die mir wichtig waren, einen Beruf, schöne Erlebnisse und viele Gründe, dankbar zu sein.

    Und trotzdem war da diese merkwürdige Leere.

    Ich konnte mich nicht mehr richtig freuen.

    Nicht über die kleinen Dinge. Aber auch nicht über die großen. Selbst wenn etwas Schönes geschah, erreichte mich die Freude nicht so, wie ich es erwartet hätte.

    Und irgendwann begann ich, mich dafür zu verurteilen.

    Warum konnte ich nicht einfach dankbar sein? Warum war ich nicht zufriedener mit all dem, was ich hatte?

    Wenn aus Unzufriedenheit ein Auftrag wird

    Irgendwann kam ich zu einer vermeintlich logischen Schlussfolgerung: Ich musste mich ändern.

    Zuerst innerlich.

    Dankbarer werden. Positiver denken. Zufriedener sein. Lernen, mich über das zu freuen, was längst da war.

    Und weil das nicht so recht funktionierte, begann ich irgendwann auch, mein Äußeres genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Vielleicht würde ich mich wohler fühlen, wenn ich schlanker wäre. Wenn meine Haare anders aussähen. Wenn Kleidung besser an mir säße.

    Vielleicht würde ich dann auch selbstbewusster auftreten. Beruflich mehr Anerkennung bekommen. Mich endlich so fühlen, wie ich glaubte, mich fühlen zu müssen.

    Also begann ich, an mir zu arbeiten.

    Und ich war durchaus erfolgreich.

    Ich stellte meine Ernährung um, zählte Kalorien, nahm erheblich ab. Zwei Kleidergrößen weniger! Plötzlich sahen Kleidungsstücke an mir ganz anders aus.

    Und ja, das machte mich glücklich.

    Ich fühlte mich attraktiv, war stolz auf meine Disziplin und spürte, wie dieses neue Selbstbewusstsein auch in andere Bereiche meines Lebens hineinwirkte.

    Es wäre unehrlich, heute zu behaupten, dass mir das alles nichts bedeutet hätte.

    Aber irgendwann merkte ich, wie anstrengend es war, dieses gute Gefühl festzuhalten.

    Ständig aufpassen. Verzichten. Konsequent bleiben.

    Und wehe, die Hose saß plötzlich wieder etwas enger.

    Dann war nicht einfach nur die Hose enger.

    Dann war ich wieder diejenige, die es nicht geschafft hatte. Die nicht diszipliniert genug gewesen war. Die sich mehr hätte anstrengen müssen.

    Und mit diesen Gedanken kehrte etwas zurück, das ich eigentlich hatte loswerden wollen: meine Unzufriedenheit.

    Vielleicht habe ich die falsche Frage gestellt

    Über viele Jahre habe ich geglaubt, dass ich zufriedener werden würde, wenn ich nur genügend Dinge an mir veränderte.

    Mein Gewicht. Mein Aussehen. Meine Einstellung. Vielleicht sogar meine Persönlichkeit.

    Doch kaum war ein Ziel erreicht, gab es etwas Neues, das noch nicht ganz stimmte. Oder ich musste mich so sehr anstrengen, das Erreichte zu bewahren, dass die Freude daran allmählich verloren ging.

    Erst viel später begann ich, meine eigenen Gedanken genauer anzuschauen.

    In Gesprächen, durch Fragen und manchmal durch eine andere Perspektive auf etwas, das mir vorher vollkommen selbstverständlich erschienen war.

    Und dabei tauchte ein Gedanke auf, der mich bis heute beschäftigt:

    Vielleicht muss ich gar nicht anders werden. Vielleicht muss ich erst einmal verstehen, warum ich so lange geglaubt habe, dass ich es müsste.

    Dieser Satz hat etwas in mir verändert.

    Nicht schlagartig. Nicht für immer. Und ganz bestimmt nicht so, dass seitdem alles leicht wäre.

    Aber ich habe begonnen, anders auf mich zu schauen.

    Ich bin noch unterwegs

    Auch heute gibt es Situationen, in denen ich mich infrage stelle.

    Wenn ich mich nicht ausreichend gesehen fühle. Wenn mir die Anerkennung anderer wichtiger wird, als ich eigentlich möchte. Wenn ich etwas persönlich nehme, das vielleicht gar nichts mit mir zu tun hat.

    Manchmal merke ich erst hinterher, dass ich wieder in einem dieser alten Gedankenmuster gelandet bin.

    Aber etwas ist anders geworden.

    Ich beginne zu erkennen, wann ich mich selbst wieder zu einem Problem mache, das gelöst werden muss.

    Und manchmal gelingt es mir inzwischen, innezuhalten und mich zu fragen, was da gerade eigentlich passiert.

    Warum trifft mich diese Bemerkung so sehr?

    Warum brauche ich ausgerechnet jetzt die Bestätigung eines anderen Menschen?

    Warum glaube ich, dass ich erst etwas an mir ändern müsste, bevor ich zufrieden sein darf?

    Ich habe längst nicht auf alle diese Fragen eine Antwort.

    Und vielleicht brauche ich sie auch nicht sofort.

    Ich möchte nicht fertig sein

    Ich wünsche mir weiterhin, innerlich ruhiger zu werden. Gelassener. Verständnisvoller gegenüber anderen Menschen und mir selbst.

    Ich möchte lernen, nicht alles zu bewerten und nicht jede Reaktion meines Gegenübers auf mich zu beziehen.

    Aber ich möchte auch neugierig bleiben.

    Auf das Leben. Auf Veränderungen. Auf neue Erfahrungen. Und auf das, was ich dabei noch über mich lernen werde.

    Denn das Leben bleibt nicht stehen.

    Warum sollte ich es also tun?

    Vielleicht ist genau das der Unterschied, den ich so lange nicht gesehen habe:

    Ich darf mich verändern, ohne mich ständig verbessern zu müssen.

    Ich darf etwas an mir mögen und etwas anderes verändern wollen.

    Ich darf mich über eine kleinere Kleidergröße freuen, ohne meinen Wert daran zu messen.

    Und ich darf an manchen Tagen unzufrieden sein, ohne daraus gleich eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit mir selbst zu machen.

    Ich möchte nicht fertig sein. Nicht mit dem Leben und nicht mit mir. Aber ich möchte aufhören, mich ständig als unfertig zu betrachten.

    Vielleicht ist das der Anfang von etwas.

    Nicht von einer neuen Version meiner selbst.

    Sondern von einem freundlicheren Umgang mit der, die ich längst bin.

    Und falls du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt hast, dann möchte ich dir etwas sagen:

    Ich habe keine fertigen Antworten.

    Aber vielleicht können wir anfangen, uns gemeinsam andere Fragen zu stellen.

    Willkommen bei Sichtbar Leben.

    Schön, dass du da bist.